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Der große Meister und die Angst - Warum Gábor Presser keine Interviews mehr gibt

Von Attila Teri


Ich bin anscheinend eingenickt

bei den wohltuenden Klängen

der gleichmäßig ratternden Räder

und träume von „Perlen im

Haar“. Der Schlag reißt mich förmlich

aus dem Sitz. Was ist passiert?

Ist der Musikzug entgleist und gegen

eine Wand gefahren? Mir tut

plötzlich alles weh, und ich weiß

nicht einmal, ob ich wach bin, träume

oder gerade starb. Ich fühle

mich so, wie wenn ich mit rasender

Geschwindigkeit eine Zeitreise angetreten

hätte, die anscheinend in

einer Endlosschleife mündet!

Plötzlich höre ich ganz weit weg,

kaum wahrnehmbar, Bruchstücke

des ersten richtigen ungarischen

Rock und Popmusicals. „Fiktiver

Report über ein amerikanisches

Popfestival“, das in den 70er Jahren

in Ungarn fast jedem aus dem Herz

gesprochen hat, der von Freiheit

träumte. Es ist die fiktive Geschichte,

durch fiktive Personen erzählt,

von dem berühmt-berüchtigten

Konzert der Rolling Stones 1969

in Altamont, bei dem die angeheuerten

Sicherheitsleute von den

„Hells Angels“ einen Zuschauer

töteten. Anna Adamis schrieb die

Songtexte und Tibor Déry das

Buch! Die Songs selbst stammen

von Gábor Presser. Die Musik verschwimmt

immer wieder, vermischt

sich mit dem Dröhnen einer ganzen

Armada von im Gleichschritt marschierenden

Springerstiefeln, die

förmlich durch meinen Kopf

schwadronieren. Ein nicht enden

wollender Albtraum. 1944, 1956 -

die Jahre des roten Terrors, 1989 -

die Auferstehung der Hoffnung!

2012! Wofür steht 2012?

Ich kann es kaum fassen, Gábor

Presser sitzt mir plötzlich gegenüber.

In meinen Augen ist er der

„Gott“ der ungarischen Pop- und

Rockmusik. Mitglied von „Omega“

und „LGT“, der bedeutendste Musiker

und Komponist der Neuzeit

in Ungarn. Niemand schaffte es in

den letzten 40 Jahren, größere

Fußstapfen zu hinterlassen als er.

Das letzte Mal sahen wir uns in

den Studios des staatlichen ungarischen

Rundfunks in Budapest,

als ich von einem auf den anderen

Tag vom Landesverräter zum Volkshelden

wurde. Wir schrieben das

Jahr 1990. Alles war auf Anfang

gestellt. Ein neues Spiel begann.

Es nannte sich Freiheit, Demokratie

und Unabhängigkeit. Nachdem ich

13 Jahre in der ungarischen Abteilung

von „Radio Freies Europa“

mit meinen bescheidenen Mitteln

der Musik und der Sprache gegen

die Kommunisten kämpfte, aber

nie wirklich daran glaubte, dass

sie eines Tages das Zeitliche segnen,

war es dann doch endlich so weit.

Der Ostblock brach in sich zusammen

und alles hatte wieder einen

Sinn. Das dachten wir zumindest.

So lud mich der einstige „Erzfeind“

nach Ungarn für eine Sondersendung

ein und stellte mir gar frei,

wen ich als weiteren Gast dabei

haben möchte. Natürlich bat ich

sie, meinen musikalischen Wegbegleiter

in all diesen Jahren, Gábor

Presser, einzuladen. Und welch

Wunder, er kam! Die Sendung dauerte

vier Stunden, war live und

wurde ein voller Erfolg. Wir konnten

es alle nicht fassen, dass wir

einfach im Studio sitzen und alles

sagen konnten, ohne festgenommen,

verurteilt, zusammengeschlagen

oder gar erschossen zu werden. Ja,

das war tatsächlich der Duft einer

längst vergessenen Blume, die nie

wieder verwelken sollte.

22 Jahre sind seither vergangen,

es ist Frühling 2012. Ich weiß gar

nicht, wo ich anfangen soll. Ich

bin sehr aufgewühlt, tausende Fragen

schießen mir durch den Kopf.

Was ist mit ihm alles passiert, wie

hat sich sein Leben verändert, wie

schmeckt das neue Leben, hat es

sich gelohnt? Und so weiter. Ich

würde so gern tagelang mit Presser

über die alten Zeiten plaudern,

doch die neuen haben uns leider

eingeholt. Gábor bringt kein Wort

aus sich heraus, es ist totenstill,

die Luft unendlich schwer und erstickend.

Tagelang warte ich auf

eine Antwort, und als sie endlich

kommt, bin ich erschüttert und

kann sie kaum wahrnehmen. So,

wie wir vor 22 Jahren von der

Freiheit träumten, so träumte ich

nur, dass wir uns wieder begegnen.

Gábor sitzt weder mir gegenüber,

noch ist er bereit, irgendwann zu

kommen. Er lässt lediglich per EMail

ausrichten, dass er mit niemandem

mehr spricht, egal wer es

ist. Er hat Angst! Angst um sein

Leben, wenn er den Mund aufmacht.

Falls ich es vergessen habe

zu erwähnen: Gábor Presser ist

Jude! Und Jude zu sein im Jahre

2012 in Ungarn erinnert an 1938!

Wer weiterhin in Budapest leben

möchte und in seinen alten Tagen

nicht die Wanderstiefel anzieht und

emigriert, wie der 79jährge berühmte

ungarische Schriftsteller

Ákos Kertész, der sollte sich möglichst

ducken und so unauffällig

verhalten, wie es nur möglich ist.

Und so löste sich mein geplantes

Interview mit Gábor Presser genauso

in Rauch auf, wie unsere

Vorfahren in den Krematorien von

Auschwitz. Der Musikzug ist stehen

geblieben. Noch ist es offen, ob er

wieder zu einer Rampe fährt oder

in letzter Minute die Kurve kriegt!

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