König, Hohepriester und Prophet - Bob Dylan legt Bootleg Series Vol. 13 vor

Von Thomas Steierhoffer


Nach einem 12-Stunden-Flug

von Los Angeles über Paris

nach Berlin-Tegel fiel ich in

einen Totenschlaf. Mein Traum in

dieser ersten Nacht zurück in

Deutschland war irre: Der „Rolling

Stone“ hatte eine Sondernummer herausgebracht.

Auf der Titelseite saß

Bob Dylan in der Uniform eines

Wehrmachtssoldaten auf einem

Thron. In der linken Hand hielt er

eine jener absonderlichen Puppen, die

man in New York kaufen kann. Sie

war eine Miniturausgabe von Albert

Speer in der braunen Uniform der

NSDAP. In seiner rechten Hand präsentierte

Dylan ein mittelalterliches

Richtschwert, auf dessen Klinge Zepter

und Krone graviert waren. Zu seinen

Füßen knieten Abraham, Jesus,

Klaus Kinski, Miles Davis, Martin

Heidegger und Hannah Arendt. Ihr

Blick war auf Dylan gerichtet, ihre

Augen verklärt wie die auf Heiligenbildern.

Dem Magazin war eine 10-

LP-Box beigelegt, die insgesamt 100

Songs, je zehn auf jedem Album enthielt.

Dazu ein großformatiges Booklet

von 100 Seiten. Somit war klar,

dass hier nicht der „Rolling Stone“

eine Beilage, vielmehr Bob Dylan

seiner „Bootleg Series Vol. 13“ das

berühmte Musikmagazin beigelegt

hatte. Beim Studium des Leitartikels

wurde mir klar, dass es sich hier um

ein Original handelte, dass weltweit

nur ein einziges Mal existierte, und

ich war der Eigentümer.

Mit einem warmen Glücksgefühl

wachte ich auf. Es war 3.42 Uhr. Ich

ging in die Küche, kochte mir einen

Kaffee und legte das soeben erschienene

neue Album des Meisters auf,

das ich zum Erscheinungsdatum als

Doppel-CD erworben hatte: „Trouble

No More – The Bootleg Series Vol.

13 (1979 - 1981)“.

Natürlich beinhaltet die neue Folge

der hochgelobten Bob-Dylan-Bootlegserie

keine 100 Songs. Jedoch

konzentriert es sich auf eine der umstrittensten

und inspiriertesten Phasen

in Dylans Karriere. Mit der Albumtrilogie

Slow Train Coming (1979),

Saved (1980) und Shot Of Love

(1981) schuf Bob Dylan um die Jahrzehntwende

1979/80 ein Werk, das

sich mit spirituellen Themen beschäftigte

und seine damalige Hinwendung

zum Christentum reflektierte. Die

Songs waren nicht weniger poetisch

und tief empfunden als alles andere,

was Dylan geschrieben hat – dennoch

konnten Teile seiner Anhängerschaft

mit diesem Bekenntnis und dem tiefen

Glauben, der sich in den Arbeiten

offenbarte, zunächst nur wenig anfangen.

Es war etwa vergleichbar mit der

Situation von 1965, als Dylans Konversion

zum elektrischen

Rock’n’Roll die Folkpuristen befremdet

hatte.

Die Konzerte aus dieser Schlüsselphase

in Dylans Schaffen bieten einige

der intensivsten und

emotionalsten Performances seiner

Karriere. Erstmals ermöglicht „Trouble

No More – The Bootleg Series

Vol. 13“ Fans und Musikliebhabern

nun umfassenden Einblick in diese

besondere Etappe auf Bob Dylans

musikalischer Reise.

Das Deluxe-Box-Set (8 CDs und 1

DVD) enthält ein Hardcoverbuch mit

einer Einführung von Dylan-Forscher

Ben Rollins sowie Liner-Notes von

Amanda Petrusich, Rob Bowman und

Penn Jillette. Exklusiv erhältlich im

Deluxe-Box-Set ist zudem eine DVD

mit dem abendfüllenden Konzertfilm

„Trouble No More: A Musical Film“.

Darin werden unveröffentlichte Aufnahmen

von Dylans Tourneen 1979 -

1981 kontrastiert mit neuen Spoken-

Word-Passagen des Oscar-nominierten

US-Schauspielers Michael

Shannon aus der Feder des Schriftstellers

Luc Sante. Der unter der

Regie von Jennifer Lebeau entstandene

Film wurde 2017 für die Premiere

beim prestigeträchtigen New

York Film Festival ausgewählt. Zu

den Extras der nur im Box-Set erhältlichen

DVD gehören u. a. ein seltener

Mitschnitt von „Shot Of Love“

vom Konzert in Avignon 1981.

Warum Abraham, Jesus und die anderen

vor Dylan knien, bleibt der

Traumdeutung vorbehalten. Sicher

ist jedoch, Bob Dylan ist der Hohepriester,

der König und der Prophet

des Rock’n’Roll. Mit Bootleg 13

konnte er das erneut unterstreichen.

Halleluja!


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