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Mit Baseball-Keulen gegen Nazis - „Inglourious Basterds“ auf DVD

Von Thomas Steierhoffer


Inglourious Basterds“ spielt im

von den Nazis besetzten Frankreich.

Brad Pitt verkörpert den

aus Alabama stammenden Lieutenant

Aldo Raine. Er stellt eine

Gruppe von jüdischen Soldaten der

Alliierten auf und lädt sie ein, mit

ihm gemeinsam 100 Nazis zu töten

und zu skalpieren. Der preisgekrönte

Österreicher Christoph

Waltz gibt den intellektuellen SS-Mann.

Die Einstiegsszene des

Filmes hat schon heute Filmgeschichte

geschrieben. Der intellektuelle

und schöngeistige SS-Mann

lässt eine ganz andere Seite

der Nazi-Diktatur sehen, die jedoch

nicht weniger brutal und menschenverachtend

ist, als die proletarisch-

dumpfe.

Die Elite-Truppe jüdischer GI’s

kämpft mit Baseball-Keulen gegen die

Nazis an. An diesem Punkt stellt sich erneut

die Frage, warum die Amerikaner Auschwitz

nicht bombardiert

und dem Erdboden gleichgemacht

haben? Zu viele geschäftliche

Verwicklungen von US-Konzernen

in gewisse Aktivitäten der

IG Farben - wird gemunkelt. Aber

das ist natürlich bloße Verschwörungstheorie,

genauso wie man die

Tatsache, dass die meisten Wehrmachtsfahrzeuge

von Opel und

Ford hergestellt wurden, die alliierten

Luftangriffe die Werke dieser

US-Unternehmen umgingen und

die Schäden, die durch Zufallstreffer

verursacht wurden, später

dem amerikanischen Steuerzahler

mittels Entschädigungszahlungen

an Ford und Opel angelastet

wurden, offiziell lieber verschweigt

statt zuzugeben, dass manche

Dinge keine Theorie sind.

Und dass sowohl Rockefeller wie

auch British Petrol die Ölversorgung

der Wehrmacht im Kaukasus

und auf dem Balkan kontrollierten,

wird auch so schnell nicht von

Guido Knopp im ZDF thematisiert

werden.

Diese Fragen stellt „Inglourious

Basterds“ ebenfalls nicht direkt.

Nur angesichts der für Tarantinos

Filme bekannten Gewaltexzesse

tauchen diese und andere Fragen

in den Köpfen der Zuschauer auf.

Er wäre allerdings auch nicht

Tarantino, wenn er nicht versuchen

würde, aus einem schwierigen

Thema einen reinen Unterhaltungsfilm

zu mache, wobei Unterhaltung

nichts mit Lachen zu tun haben

muss. Mit hoher Intelligenz wird

eine Farce inszeniert. Der weltgewandte

und polyglotte SS-Offizier

ist dabei keine Neuerung. Gerade

dieser Heydrich-Typus ist nicht nur

im Filmgeschäft schon länger

äußerst beliebt: als der Teufel mit

den vollendeten Manieren. Nur

dass diesem hier als Doppelagenten

ein weniger eindimensionales

Schicksal beschieden ist als üblich.

Ohnehin ist der Film derart gespickt

mit Zitaten aus der Filmgeschichte,

dass wohl nur Cineasten

in den vollen Genuss kommen

werden.

Was über allem schwebt, natürlich:

Darf man sowas? Ist das nicht Ver-

höhnung der Opfer? Ist das nicht

pure Gewaltverherrlichung? Wie

auch immer jeder einzelne Zuschauer

diese Frage für sich beantwortet,

Fakt ist: Tarantino

zumindest darf offensichtlich alles.

In ihm leistet man sich das „enfant

terible“, dem man die ungelebten

Seiten gerne anvertraut.

Besonders angenehm: Tarantino ist

unberechenbar. Es überleben nicht

automatisch die Guten oder die

Bösen, und sie kommen auch nicht

automatisch um. Gar nichts geschieht

so wirklich absehbar - und

nichts ist ausgeschlossen. Durch

die hohe Anzahl an Doppelagenten

lassen sich ethische Zuordnungen

eher schwer treffen. Ausgenommen

ist hier eigentlich nur Shosanna -

als Vertreterin der historischen

Opfer. Wenigstens da zeigt Tarantino

eine Art Beißhemmung. Im

Kern läuft es auf die Frage hinaus:

Was darf Satire? Und wenn nicht

alles, warum nicht? Unterhaltung

und Fiktion sind oft die beste

Verpackung, weil weniger angreifbar

als Sachbücher, Reports oder

wissenschaftliche Publikationen.

Quentin Tarantinos neuester Film

ist ein Meisterwerk. Es ist reines

Kino, Theater pur und zudem noch

unterhaltsam.


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