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Ruinen schaffen ohne Waffen - „Dresdner Interregnum“ auf DVD



Mit 6.000 Metern Agfa-

Filmmaterial ausgerüstet,

das der Stadt Dresden

zur Wende von der Agfa in Leverkusen

geschenkt worden ist, hält

1991 der Kameramann und Regisseur

Werner Kohlert seine 35 Millimeter

Arriflex ohne genauen Plan

auf die unterschiedlichsten Teile

der Dresdner Stadt. Kohlert hatte

geahnt, dass das Material vorerst

lange liegen bleiben müsse, um

einmal „interessant“ werden zu

können. 2010 ist es soweit. Aus

gebührendem Abstand von 19

Jahren schneidet Kohlert etwa vier

Stunden Filmmaterial zu einer

knappen Stunde zusammen. Er

unterlegt die eindringlichen Bilder

mit der epochalen Lyrik aus Charles

Baudelaires „Les Fleurs du

Mal“ („Die Blumen des Bösen“)

sowie mit psychedelisch wirkender

Musik von Robert Schumann und

Oliver Messiaen. Mit dieser Verbindung

aus Text, Bildern und Musik

fängt Kohlert in stummfilmartiger

Manier die geschundene

Elb-Metropole am Ende des kalten

Krieges ein. Angesichts der

eindringlichen Zusammenschau

brennen sich dem Betrachter bestürzende

Bilder über das Ausmaß

der teilweise über vier Jahrzehnte

währenden Zerstörung Dresdens

nach seiner Zerstörung im Zweiten

Weltkrieg ein. Der Grad des Zerfalls

und seiner gleichermaßen

kollektiven Verdrängung aus dem

Bewusstsein der Öffentlichkeit

erscheint mit heutigem Bewusstsein

unvereinbar. Der Blick wird

auf unzählige Reihen verfallener

Altbauten der Stadt gelenkt. Leere

Fensterhöhlen wechseln mit massiven

Reihen von eingeschlagen

Scheiben und einstürzenden Wänden.

Birken ranken sich als verwunschene

Antennen aus Dachrinnen

kaputter Dächer, während

an der Peripherie der City Beton-

Rohbauten als fertige Häuser aus

Schlamm unbefestigter Straßen

ragen. Verkehrte Welt im Zwischenreich

der späten DDR. Die

Betongürtel würgen den alten

Innenstädten ökonomisch wie

moralisch die letzte Luft ab, bevor

viele von ihnen endgültig in sich

zusammenstürzen. Meißen, Görlitz,

Bautzen, Leipzig, Halle, Gera,

Pirna, Bernau, Berlin Mitte,

Wismar, Greifswald. Die Bilder des

Films halten sich nur exemplarisch

an Dresden fest. Sie treffen alle

Städte des Ostens. Der Verfall ist

primär nicht nur der sowjetisch geprägten

Misswirtschaft, sondern

vielmehr einem perfiden Geschichtsverständnis

der SED geschuldet.

Mit der betonierten

Gleichmacherei der WBS 70

Wohnblocks soll zur eigenen

Machtzementierung der alte Zopf

der rivalisierenden Menschheitsgeschichte

für immer abgeschnitten

und ausgelöscht werden. Dieser

zynische Plan funktioniert von

Anfang an nur, da die Menschen

teilweise dankbar aus den systematisch

verfallenden Innenstädten

in die lichter und moderner daherkommenden

Wohnblöcke ziehen,

in denen es endlich nicht mehr

hineinregnet, in denen das stinkende

Trockenklo aus dem Hausflur

dem modernen Bad wich, in

denen die hygienischen Verhältnisse

in der Küche akzeptabel

waren. Doch viele saßen bald in der

Falle. Die Wohnblöcke erwiesen

sich vielerorts als menschenverachtende

Silos, losgelöst von

Infrastruktur. Der Straßenbau um

die Häuser bleibt meist liegen.

Kulturelle Zentren werden zur

Fehlanzeige. Die graue Hast

zwischen Arbeit, Kindergarten,

Kaufhalle und Wohnblock wird

zum DDR-Synonym. Kein Baum,

kein Strauch, kein Grün. Die

Herzen der Städte, die Citys eben,

liegen todkrank auf der Siechenstation.

Nicht ohne Grund ist es zuerst

die Leipziger Bevölkerung, die

aus der Mondlandschaft des Umlandes

ins Zentrum des Revolutionären

rücken. Es war einfach nicht

mehr auszuhalten.


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